Ist das nicht zu heiss in Nairobi?

Die häufigste Frage, die ich seit ich zu hören bekomme, seit ich in etlichen persönlichen Gesprächen über meine neue Heimat berichte: „Ist das nicht zu heiss in Nairobi?“ Und das sehr oft im doppelten Sinne des Wortes: Wetter und Sicherheit in Nairobi. Aber der Reihe nach.

Das Wetter in Nairobi

Kenia liegt in Ostafrika (also 1 Stunde voraus bei deutscher Sommerzeit, + 2 Stunden im Vergleich zu MEZ) auf Höhe des Äquators. Genauer gesagt: das untere Drittel ist auf der Südhalbkugel, der große Rest im Norden. Bedingt durch die koloniale Historie des Eisenbahnbaus ist aber genau das untere Drittel mit Nairobi in der Mitte, Mombasa an der Küste und Kisimu im Westen am Ukerewe See der wirtschaftlich vitale Teil Kenias. Sprich: das, was die meisten außerhalb Kenias als Kenia wahrnehmen. Wem Ukerewe nichts sagt: bekannter ist der See als „Lake Victoria“, aber ehrlich: der war schon lange vor Queen Victoria da und „entdeckt“. Halten wir fest: Nairobi hat also schon mal die umgekehrten Jahreszeiten wie wir es in Deutschland gewöhnt sind.

Dazu kommen die unterschiedlichen Klimazonen. Mombasa liegt direkt am Meer, Nairobi auf ca. 1700 m Höhe über NN! Wer also schon mal den üblichen Kenia Pauschalurlaub am Meer gebucht hat, wird auf ein komplett anderes Klima treffen als wir hier im Hochland. Das was man hier als „Frühjahr“ (Oktober bis November) und „Herbst“ (April bis Juni) bezeichnen könnte, ist die Regenzeit.

Regen ist hier etwas anders als bei uns

Was – vorallem in den Abendstunden und Nachts – dann in Sachen Regen passiert ist schon sehens- wert und (dank Blechdach) auch hörenswert. Irgendwer da oben scheint einen On/Off-Switch für’s Wasser zu besitzen. Von jetzt auf gleich – ohne jegliche Vorwarnung gießt es. Also nicht so giessen nach unseren europäischen Massstäben. Eher so als wenn man einen mittelgroßen See durch ein Nudelsieb kippt. Und eben so abrupt wie der Regen startet, so fix endet er auch wieder.

Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Ein paar kräftige Wolken finden sich eigentlich immer am Himmel, den wirklich prallen Sonnenschein gibt es höchst selten, was das Leben hier recht angenehm macht. Aber durchaus auch tückisch in Sachen Sonnenbrand. Der nahezu senkrechte Sonnenstand gibt recht ordentliche UV Werte und insbesondere im Sommer ist auch bei milden 27 °C Sonnencreme dringend empfohlen.

Über den jahreszeitlichen Verlauf sind die Temparaturschwankungen einigermassen übersichtlich. Auch im „dicksten Winter“ habe ich keine einstelligen Plusgrade hier finden können. Die üblichen 15 – 17 °C sind für unsereinen vorsommerlich. Bei den Einheimischen führt das zu Fröstel-Attacken die mit Jacken und Heizstrahlern auf den Terrassen der Bars und Restaurants bekämpft wird.

Heizstrahler auf einer Terrasse bei 19 °C Außentemperatur. Das Wetter in Nairobi ist relativ.
Bei für unsereinen angenehmen 19 °C am Abend gehen auf Nairobis Terrassen die Heizpilze an.

Selbst an heissen Tagen steigt das Thermometer kaum über die 30 °C Marke in Nairobi. Wie gesagt: Küste ist ein komplett anderes Thema. Ein Wochenend-Trip nach Watamu Beach in der Nähe Malindis im November war eine durchaus schweisstreibende Angelegenheit, bedingt sowohl durch höhere Temperaturen als auch einer deutlich höheren Luftfeuchtigkeit. Soviel zum Wetter in Nairobi. Und was ist mit Klima?

Klimawandel in Kenia

Während Australien brennt ging das Löschwasser über Kenia nieder. Der meteorologische Dienst Kenias gab Anfang/Mitte Januar Warnungen über ungewöhnlich hohe Niederschlagsmengen durch. In der Tat: der eigentliche Hochsommermonat Januar ist schon jetzt viel, viel zu nass. Die beschriebenen heftigen Regengüsse, die üblicherweise nach dem November enden, haben sich über den Dezember bis Januar hingezogen. Entsprechend leidet die eh nicht immer komfortable Infrastruktur des Landes darunter. Neben Murenabgängen (mit Toten und Verletzten) in einigen ländlichen Gebieten sind einige unbefestigte Strassen Nairobis schon eher Bachbett ähnlich. Unsere Zubringerstrasse trägt den vollmundigen Namen „Thindigua Highway“ ist aber lediglich ein üblicherweise ordentlich verdichteter zweispuriger Feldweg, der Kiambu Road und Northern Bypass verbindet. Aktuell sind die Pfützen, die sich aneinander reihen, mindestens knöcheltief ausgefahren. Die nötigen Verschränkungen, die es braucht um nicht dauernd aufzusitzen, lassen die Karosserie unseres Peugeots selbst im Schritttempo mächtig knarzen.

Kommen wir vom Wetter zur Sicherheit in Nairobi.

Wie „heiß“ ist das Pflaster in Nairobi? Den Spitznamen, den sich Nairobi in den 1990er Jahren als „Nairobbery“ erarbeitet hatte, würde ich heute so nicht mehr unterschreiben. Natürlich gibt es – vor allem in der Nacht – NoGo-Areas in die sich mal Einheimische, geschweige denn Mzungus vor wagen. Aber diese NoGo-Areas gibt es in New York oder sogar Berlin auch. Das es Kriminalität gibt ist nicht zu bestreiten. Taschendiebstahl, Entführung, Vergewaltigung und Mord – alles dabei und sicher auch in handelsüblichen Mengen.

Aber zum einen wurde ich in all der Zeit in Nairobi noch nie zum Opfer (toi-toi-toi). Zum anderen – ohne gleich in Paranoia zu verfallen: es gelten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen.

  • Geld und Handy dicht am Körper behalten
  • keinen auffälligen Schmuck oder die extra-flashy Uhr tragen
  • die nötige Privatsphäre beim Geldumtausch oder bei der Automatenabhebung sicherstellen
  • Meiden von Menschenmassen und potentiellen Angriffszielen – oder wie’s auch gerne hier heisst: „mach einen Bogen um die Amis“
  • Auto auch während der Fahrt verschliessen und in einigen exponierten Ecken auch die Fenster geschlossen halten
  • Keine Wertgegenstände im Auto zurücklassen – gerüchtehalber soll es Detektoren für Laptops in Autos geben – weiss da jemand was?

Überhaupt gehört ein Auto zur persönlichen Sicherheitsausstattung eines Expats. Der öffentliche Personennahverkehr in Nairobi und warum man ihn nicht nutzen mag ist mal eine eigene Story wert.

Aber was ist mit Terror?

Richtig ist, dass Kenia – inbesondere die an Somalia angrenzten Nordprovinzen – auch mal von Al-Shabaab Milizen überfallen wird. Kenia ist militärisch bei der Befriedung des als „failed state“ einsortierten Somalia engagiert. Sehr zum Unwillen von radikalen Islamisten im Süden Somalias, die dort streng nach der Schari’a leben. In drei Fällen wurde Al-Shabaab auch in Nairobi aktiv:

  • 2013 beim Anschlag auf die Westgate Shopping Mall mit mindestens 67 Toten und mehr als 100 Verletzten (offizielle Zahlen, die oft genug als zu niedrig bezeichnet werden)
  • 2014 ein Handgranaten Anschlag im Stadteil Eastleigh (wo viele Somalis leben) mit 6 Toten
  • 2019 der Anschlag auf den Dursit D2 Komplex – Hotel, Restaurants und Büros – bei dem mindestens 21 Menschen ums Leben kamen (auch zu der Zahl gibt es reichlich Debatten)

Wenn man dann noch den Anschlag 1998 auf die US-Botschaft dazu rechnet, dann ist das sicher etwas mehr als Berlin, aber durchaus vergleichbar mit London oder Paris. Dennoch halte ich die Wahrscheinlichkeit in einer so großen Stadt zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein für sehr überschaubar. Oder wer in Spandau, Köpenick oder gar Potsdam hat im Dezember 2016 was vom Breitscheidplatz direkt mitbekommen?

Vermeintliche Sicherheit

Ein Versuch „Sicherheit zu produzieren“ ist auch an jeder Grundstückseinfahrt und an jedem Hauseingang zu finden: Es ist absolut üblich, dass die mit Mauern und Stacheldraht umstandenen Grundstücke mit einer Wache am Tor besetzt sind. Wir sprechen nicht von Kasernen. Das ist an jedem einzelnen Grundstück so. Egal ob Einfamilienhaus (dort oft auch als gated community im Zusammenschluß mehrerer), Appartementblock, Bürogebäude, Behörde oder Einkaufszentrum: überall findet sich Wachpersonal. Sofern der Publikumsverkehr etwas erhöht ist, mit Durchleuchtung des Autos, Personenkontrolle und div. Eintragungen in dicke Bücher, wer wann, wo reingegangen ist.

Datenschutzrechtlich dürfte davon in nächster Zeit aufgrund des neuen Kenya Data Protection Act sicherlich das ein oder andere kassiert werden. Aber auch abgesehen davon ist das allermeiste wirklich „Foo“. Die Wachen gehören zu den schlechtbezahltesten Arbeitnehmern und dürften im Falle eines Angriffs wie 2013 und 2019 die ersten sein, die die Füße in die Hand nehmen. Und die Kontrollen sind i.d.R. eher oberflächlicher Natur. Sofern die Jungs und Mädels am Eingang keine Ausbildung zum Sprengstoffhund haben, ist mit „Autotür auf, einmal drübergucken“ sicher nichts zu finden.

Kurz gesagt: nach meinen persönlichen Maßstäben ist Sicherheit in Nairobi in ausreichendem Masse gegeben.

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