Flugangst

Es gibt Neues aus Nairobi zu vermelden. Eigentlich Neues aus Deutschland, denn nach über einem Jahr geht es zurück aus der Wahlheimat. Ich sitze hier noch 2 Stunden am Flughafen rum, damit meine Freundin pünktlich vor dem Ende der Ausgangssperre wieder zu Hause ist und mir ist gar nicht wohl.

Nein, es ist nicht schon einsetzendes Heimweh und der Wunsch bald wieder zurück in Kenya zu sein. Oder besser: nicht nur. Seit ewigen Zeiten habe ich einfach nur Angst vor dem Flug.

Meine erste Flugreise liegt fast 30 Jahre zurück. Mit der Familie (ich der Sohn, Papa pays) über’n großen Teich und dann per Wohnmobil quer durch die USA von Küste zu Küste. Damals war alles neu, aufregend und dennoch habe ich mich in dieser fliegenden Dose alles andere als wohlgefühlt.

Beim Busfahren schaut man immerhin vorne durch die Windschutzscheibe und weiß was der Mann oder die Frau an der Kurbel gerade treibt. Fliegen war für mich der totale Kontrollverlust. Der nächste Flug nach Gran Canaria fast 10 Jahre später war – obwohl wesentlich kürzer – dann der Horror mit Ansage. Nicht das irgendwas schief gelaufen wäre. Aber wenn der Kopf nicht mitspielt … .

Es dauerte wieder fast 10 Jahre. Flughafen Manching. Eigentlich der Busbahnhof zwischen VW Wolfsburg und Audi Ingolstadt. Einer unserer Lieferanten hatte zur „Road“Show (sic!) geladen. Und im Rahmen der Veranstaltung auch Rundflugtickets verlost. Es kam wie’s kommen musste: eines war für mich bestimmt. Erfreulicherweise war ich der Größte aus der Runde, die in den kleinen Kuckuck kletterte, so dass ich das Recht des „Beifahrer“sitz‘ für mich reklamieren konnte. Das was sich das in Sachen Instrumente und Platzangebot vor mir ausbreitete erinnerte mich verdammt an den alten VW Käfer meines Patenonkels. Aber: Mehr Blick durch die Frontscheibe und auf das was der Pilot so trieb ging nicht. Die Angst war überwunden.

Angst, heißt es, haben wir vor unbekannten Dingen, Situationen. Die beste Therapie ist Information und die Entdeckung des Unbekannten.

Entsprechend waren der nächste Urlaubsflug in die Türkei, zum WordCamp Europe in Belgrad oder der Wochenendtrip nach Malinda ein Klacks. Und auch die Langstrecke nach Nairobi, die ich zwischenzeitlich schon mehr als ein halbes Dutzend mal geflogen bin ist Normalität geworden.

Und nun? Es ist nicht die Angst vor dem Flug selbst. Das ist wie immer. Auch wenn ich dieses Mal nicht mitten drin in Kairo einen Zwischenstopp habe, der die Strecke in zwei schöne gleiche Teile teilt. Heute geht es gleich auf einen Rutsch bis Amsterdam und dann weiter auf Frankfurt. Das unbekannte ist dieses Mal dieser Sch…virus der mitfliegt. Oder hoffentlich besser nicht. Es ist die Angst vor der Enge. Das zusammen gesperrt sein mit Leuten, die man nicht kennt und von denen man nicht weiß, ob und wie ordentlich sie sich in den letzten Tagen und Wochen verhalten haben.

Bis lang kann ich für mich sagen: alles richtig gemacht. Selbstisoliert seit einem halben Jahr. Nur raus, wenn Besorgungen anstanden oder der Lagerkoller drohte. Und dann Maske auf und Abstand halten. Und die verbal in die Seite boxen, die die beiden letztgenannten Maßnahmen nicht oder nur halbherzig umsetzen wollten. Kenya hat eine andere, kürze Distanz, die als Eintritt in die physische Privatsphäre gewertet wird als wir Nordeuropäer. Und dennoch war bei den meisten der Wille zu mindestens 1,5 m erkennbar. Der Rest durfte erinnert werden.

Die Angst wird sich fortsetzen, wenn ich gelandet bin. Es geht weiter mit der Bahn und was ich auf Twitter über die Covidioten mitlese, beruhigt mich kein bisschen.

Wahrscheinlich lache ich morgen Abend drüber.

Update 7.9.2020

Das Lachen ist mir zumindest auf dem Flug Amsterdam – Frankfurt etwas im Halse stecken geblieben. So prima Kenya Airways mit der Situation umgeht – nur ca. 1/3 des Fluges konnte überhaupt bebucht werden – so elend empfinde ich die Situation in Europa. Flieger rappel voll und rundum wird Corona und die damit einhergehenden Maßnahmen ignoriert oder mindestens drüber gescherzt und ad absurdum geführt. Man fühlte sich in eine Runde alter weißer Männer versetzt, die ihre billigen Witzchen reissen. Nur die Männer waren vornehmlich jung oder weiblich. Man fragt sich, wer das 3. Welt-Land ist.

Ich war froh gestern abend noch mit N95 Masken – die ich bislang nie getragen hatte – nachgerüstet zu haben.

Immerhin: ich weiß wo meine Angst hingehört. Es nicht mal der Virus selbst, sondern die Art wie manche Leute damit umgeht, die mir die Angst macht. Seit heute früh ist es eher Wut.

2 Antworten auf „Flugangst“

  1. Kopf hoch, mein Lieber! Ich bin gerade von einer Rundreise durch Europa zurück (DE, FR, ES wegen notwendigen Familienbesuchs, sowie PT), habe etliche Stunden in Zügen und Flugzeugen verbracht und war selten so amtlich gesund wie jetzt hinterher. Manche mögen mich leichtsinnig finden, aber ich hatte einfach Vertrauen in mein Immun- sowie im Zweifelsfall in unser Gesundheitssystem hier. FFP-Maske auf und es wird schon wuppen. Und herzlich willkommen in der alten Heimat!

    1. Nicht amtlich aber nachgewiesen gesund. So oft, wie ich schon in Nairobi Temperatur gemessen bekommen habe, geht auf keine Kuhhaut mehr. Jeder Supermarkt, jede Mall, jedes Restaurant hält dir vor dem Eintreten – nicht die Pistole – aber das so aussehende Infrarot-Thermometer an den Kopf. Oder zwischenzeitlich eher an den Puls – ein paar Leute vom Land (auf Social Media mit Bildern und Videos dokumentiert) dachten tatsächlich wohl sie würden exekutiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.